Geradeaus mit Weitblick

In Gerald Waltners Weinen steckt, vom einzigartigen Wagramer Terroir abgesehen, vor allem eines: und das ist Gerald Waltner selbst. Mit seinen schnörkellosen, authentischen Weinen prägt der VINEUS Newcomer 2014 die Weinviertler Weinszene entscheidend mit – auch auf internationaler Ebene.

Meter für Meter spuckt die elektrische Bindezange in Gerald Waltners Hand Kunststoffbändchen aus, die die Fruchtruten der Stöcke in Waltners Wagramer Veltliner-Lage Hochrain nördlich von Engelmannsbrunn am Drahtrahmen festhalten.

„Das Rebenbinden“, ruft Waltner, dessen Worte immer wieder von stürmischen Böen, die an diesem Spätvormittag über den Südhang fegen, verschluckt werden, „ist eine der zeitaufwändigsten Arbeiten im Weinberg, und du musst aufpassen, dass beim Krümmen die Ruten nicht abbrechen!“

Verglichen mit dem, was arbeitstechnisch in seinem neuen Weingarten in Gösing auf ihn zukommen könnte, sei das Rebenbinden aber wahrscheinlich ein Spaziergang, ergänzt er.

Gerald Waltner hat nämlich heuer erstmals Roten Veltliner ausgepflanzt. Er hat sich lange dagegen gewehrt, die Sorte in sein Repertoire aufzunehmen, weil er sein Sortiment gern straff hält und in seinen Gärten dem Grünen Veltliner, den er in unterschiedlichen Stilistiken von fruchtig bis gehaltvoll ausbaut, aus Überzeugung die größte Aufmerksamkeit schenkt.

„Und weil der Rote Veltliner eine echte Diva ist“, ergänzt er. „Fäulnisanfällig, frostempfindlich, extrem wüchsig, die Triebe einflechten ist eine Wahnsinnsarbeit, und bei einem Familienbetrieb unserer Größe muss man sich sowas schon gut überlegen.“

Innerhalb von 15 Jahren hat Gerald Waltner den einst auf Traubenverkauf und Fassweinproduktion ausgerichteten Betrieb behutsam, aber zielstrebig an die Spitze der Wagramer Weingüter geführt.

11 Hektar bewirtschaftet er in Engelmannsbrunn, Gösing und dem nahen Ottenthal, wo der Löss-Schwarzerde-Boden am Marien- und Halterberg kraftvolle, saftige Zweigelt begünstigt. Der sei vor allem in den Nachbarländern gefragt.

Seit Jahren schon gehen rund 70% von Waltners Produktion in den Export, mit dem Sieg beim VINEUS und dem Salon-Bundessieg in der Kategorie Grüner Veltliner kräftig 2015 sei dann auch österreichweit „der Vollwahnsinn“ losgebrochen, erzählt er.

„Jetzt ist‘s wieder ruhiger, und mir passt das ganz gut, weil größer werden will ich nicht, und das größte Privileg des Winzers ist doch, seine Zeit im Rhythmus mit der Natur im Weingarten und im Keller zu verbringen.“

Wobei: Die Natur hat es Gerald Waltner in den letzten Jahren nicht einfach gemacht. 2015 vernichtete der Hagel 70% der Ernte, 2016 war zu feucht, 2017 und 2018 hingegen extrem trocken.

Auf die Klimakapriolen müsse man sich natürlich einstellen, sagt Waltner. „Aber da muss man jetzt nicht ins Jammern verfallen. Die neuen Klimaverhältnisse begünstigen lässige Rotweine, und auch die Weißen haben trotz weniger Säure immer noch eine schöne Frische. Vor 20 Jahren hat’s ja noch geheißen: Ein Grüner Veltliner unter 7g pro Liter Säure ist keiner. Heute fahren wir ihn bei 5,8g spazieren, und das ist ein perfekt balancierter, knackiger Wein.“

Ein Wein darf den Jahrgang repräsentieren, findet er.

„Ich brauch keine hin geschliffenen Weine, und die Konsumenten schätzen Weine mit Ecken und Kanten mittlerweile auch.“

Ihm selbst haben es aktuell besonders seine kräftigen Weißburgunder angetan, die seiner Meinung nach in der Region noch unter Wert verkauft werden.

Zukünftig eher auslassen wird er dafür die Süßwein-Schiene, gesteht er schmunzelnd. „Voriges Jahr haben wir’s einmal probiert, aber das war eher ein misslungener Eiswein.“ Warum der Ausreißer den Namen „Best of Edeltraud“ trägt, wollen wir aber schon noch wissen.

Und da erhellt sich Gerald Waltners Gesicht schlagartig, so, wie das nur bei Verliebten passiert. „Ich hab damals zu meiner Frau während der Ernte gesagt: ‚In den nächsten vier Wochen brauchst nicht mit mir rechnen, da bin ich bei meiner Zweitfrau, der Presse.‘ Sie fand, die Zweitfrau braucht einen Namen, und hat sie Edeltraud getauft.“

Seitdem hat Waltners Presse einen Namen. „Und ich hab ganz klar die beste Ehefrau der Welt.“