Der Freispieler

Alwin Jurtschitschs Weg vom Winzerspross zum Aushängeschild des Spitzen-Bioweinbaus begann mit der großen Freiheit am anderen Ende der Welt.

Über einen Revolutionär, dessen Horizont immer schon weit hinterm Veltlinerglasrand lag.

Auf die Bitte, sein Weingut „in vier Worten“ zu beschreiben, reagiert Alwin Jurtschitsch prompt mit den Worten: „Loiserberg, Heiligenstein, Lamm, Käferberg.“ In Zeiten, in denen im Wein-Business ohne „Storytelling“ angeblich gar nichts mehr geht, kommt eine derart unaufgeregt-präzise Antwort fast ein wenig überraschend daher. Und noch während man darüber nachdenkt, dass da vielleicht wirklich was dran ist am Sprichwort „Wie der Wein, so der Winzer“, sagt Jurtschitsch: „Der Winzer ist der wichtigste Teil des Terroirs. Er entscheidet, welche Sorte auf welchem Boden wächst, er hat es in der Hand, wie er seine Gärten bewirtschaftet, wie sich Persönlichkeit und Herkunft in der Flasche widerspiegeln.“

Für den VINEUS Trendsetter 2014 geht es nach 12 Jahren, in denen er das Langenloiser Familien-Weingut Schritt für Schritt umgekrempelt und gemeinsam mit Ehefrau Stefanie zum Aushängeschild des biologisch-organischen Weinbaus in Österreich gemacht hat, mehr denn je darum, in seinen Rieslingen, Veltlinern, Rosés, Schaumweinen & Co. Präzision, Eleganz, Vielschichtigkeit, Understatement und Balance in den Vordergrund  zu stellen.

„Der Alwin fragt sich grundsätzlich immer, was er alles weglassen kann, um einen großen Wein zu machen“, erklärt sein Freund, Weinakademiker und Jurtschitsch-Vertriebschef Wolfgang Hewarth beim Rundgang durch den Keller.

Alle Orts- und Lagenweine werden spontan vergoren, es gibt keine Aromahefen, Experimente mit Maischegärungen und Maischestandzeiten sind an der Tagesordnung, Battonage kommt sowieso nicht in Frage, die Lagenweine liegen bis zur Füllung auf der Vollhefe, mit unterschiedlichen Gär-Behältnissen wird auch dauernd experimentiert – von Granit über kleines Holz bis zum Keramik-Ei ist so ziemlich alles möglich. Für Jurtschitsch führe an diesen Prinzipien des Weinmachens kein Weg vorbei. „Als Stefanie und er das Weingut übernommen haben, waren viel Alkohol, Tannin, Botrytis und Barrique Garanten dafür, dass man hohe Punktebewertungen bekommt“, erzählt Hewarth. „Aber das war einfach nicht die Weinwelt, in der wir leben und arbeiten wollten.“

Es gibt viele Faktoren, die Alwin Jurtschitsch zu dem Winzer gemacht haben, der er heute ist. Seine Reiselust und sein Streben nach Freiheit, sagt er, hätten sicher entscheidend dazu beigetragen. Er reiste durch Neuseeland, arbeitete als Erntehelfer, unterhielt sich mit anderen Praktikanten übers Weinmachen. Ihre Leidenschaft, sagt Jurtschitsch, habe ihn angesteckt. Und er fand Gefallen am Lifestyle des Wanderwinzers.

In Australien beschäftigte er sich erstmals mit biologischem Weinbau, im deutschen Geisenheim verliebte er sich an der Hochschule erst in seine jetzige Ehefrau, dann in deutschen Riesling, und landete im Roussillion, wo gerade eine Bio-Revolution im Gang war. Nach zwei Ernten in Südfrankreich wollte er nur unter der Bedingung zurück nach Langenlois, dass das Weingut komplett auf biologische Landwirtschaft umgestellt würde. Es war kein kerzengerader Weg dahin, eher einer, der viel Diplomatie und Geduld erforderte. „Ich hab schnell gelernt, dass Revolution weder im Weingarten noch innerhalb der Familien funktioniert“, schmunzelt Jurtschitsch.

Zum Schluss fahren wir mit Wolfgang Hewarth noch an einen für Weinkundige fast heiligen Ort.

Am Zöbinger Heiligenstein mit seinem verwitterten Wüstensandstein und Vulkan-Konglomerat befinden sich Jurtschitschs zwei Top-Rieslinglagen.  Terrassenlagen, die man händisch bearbeiten muss, blühende Bäumchen und Sträucher dazwischen.

Auf einem kleinen Plateau steht eine aus Stein gemauerte Hütte für die Schafe, die manchmal zwischen den Rebzeilen grasen, es gibt eine Feuerstelle und ein kleines Bankerl.

Der Riesling hat hier eine idyllische, einzigartige Heimat. Und diese Heimat einen ziemlich einzigartigen Winzer.