Mailberger Mutausbruch

Im Pulkautal hat Wolfgang Hagn einen Ort geschaffen, an dem Weinbautradition und konsequentes Vorwärtsdenken so selbstverständlich Hand in Hand gehen, als wäre es nie anders gewesen.

Tatsächlich hat er damit eine ganze Region aus dem Dornröschenschlaf erweckt.

Es ist ein Mittwoch zu einer Tageszeit, in der Mailberg – 558 Einwohner, 300 Hektar Weingärten drumherum – ein Schläfchen zu halten scheint. Die mit kitschig schönen Presshäusern gesäumten Gassen sind leergefegt, und während man eine von diesen entlang in Richtung einer kleinen Anhöhe schlendert, kommen einem Worte „idyllisch“ und „traditionsreich“ in den Sinn.

Die Assoziationen ändern sich schlagartig sobald man oben angekommen ist und die Türe zur Weingalerie der Familie Hagn öffnet.

Graffiti-Superstar Akira Sakurai hat mit einem großflächigen Kunstwerk den Eingangsbereich gestaltet. Es folgt ein Verkostungsraum, der einer modernen Kathedrale ähnelt, in der Portishead aus den Lautsprechern wummert und von der aus man ganz „Mailberg Valley“ überblicken kann.

Wolfang Hagn, VINEUS Newcomer 2013, wartet zur Begrüßung einem festen Händeruck, einem Lächeln und einem Glas Grüner Veltliner Klassik auf.

„Ganz typisch, pfeffrig, würzig, Lehm-Löss-Boden, grüner Apfel, nicht zu leicht, nicht zu kräftig, vom Antlassberg“, sprudelt es aus ihm heraus.

Man kräuselt verschwörerisch die Nase überm Glasrand, und kann sich nach dem ersten Schluck endgültig nicht mehr wehren gegen den Gefühlsausbruch, der die Lippen von der Waagrechten himmelwärts zieht.

Was Wolfang Hagn, 31 Jahre jung gemeinsam mit Kellermeister und Cousin Leo Hagn, der seit 2006 für die Geschicke des Betriebs verantwortlich ist, in Mailberg geschaffen hat, ist weit erhaben über jede Vorstellung eines gewöhnlichen Weinviertler Weinguts.

Es ist eine Weinerlebniswelt, zu der neben der Weingalerie auch ein gehobenes Restaurant mit Gästezimmern gehört.

Auf dem Weg durch den Gebäudekomplex landet man in unterschiedlichsten Kellern und Verkostungsräumen, es gibt ein Weinkino, poppige Kunst an den Wänden und Loungemusik an allen Ecken.

Man muss das – auch und vor allem weil die Hagns zu den höchstdekorierten Winzern des Weinviertels zählen und mit Blauem Zweigelt, Weinviertel DAC, Sauvignon Blanc & Co. regelmäßig im SALON Österreich vertreten sind – fragen:

Wären der Wein und die Gegend allein nicht Grund genug für Mailberg, für Hagn-Wein?

„Jein“, sagt Wolfgang. „Wein ist mehr als nur Flüssigkeit, Wein ist Kunst. Diese Überzeugung war der Ausgangspunkt für alles hier. Und wir wollten begreifbar machen, was Weinbau und Weintrinken wirklich bedeutet. Da geht es um so viel mehr, als mit önologischen Begriffen um sich zu werfen.“

Zurück vor der Weingalerie, von wo aus man einen Blick auf die wichtigste Veltliner-Lage Hagns, Hundschupfen, hat, liefert er noch eine weitere Erklärung für den steten Auf- und Umbruch, der am Weingut gepflegt wird.

Mailberg ist ein traditionsreicher Weinbauort mit perfekten mikroklimatische Bedingungen für Weiß und Rot, unterschiedlichen Bodenarten … das sind super Argumente, hier her zu kommen. Aber es sind nicht genug.“

Es hätte hier lange weit und breit kein Restaurant, keine Übernachtungsmöglichkeiten gegeben.

„Wir wollten nicht einfach nur guten Wein machen, sondern auch die Region zum Leben erwecken und den Menschen zeigen, das längst nicht alles, was die Umgebung zu bieten hat, in ein Glas passt.“

Die Umgebung schauen wir uns in der Lage Hundschupfen noch einmal genau an.

Bio ist am Hundschupfen kein Thema, obwohl Hagn die Hälfte seiner Rebflächen auf Bio-Produktion umgestellt hat und aktuell fünf Bio-Weine im Sortiment führt. Er macht das, weil er es für ebenso sinnvoll und richtig hält, wie Strom mit einer hauseigenen Photovoltaik-Anlage und Wärme mit einer Biomasse-Heizung zu erzeugen.

Aber er sagt auch: „Ich glaube, in zehn Jahren werden der biologische und der konventionelle Weinbau sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Eine nachhaltige Produktionsweise, wie wir und viele andere sie jetzt schon betreiben, wird Standard sein.“ Amen.