Burgunderwunder

Johann Gispergs Gespür für rote und weiße Burgunder von Weltklasseformat ist so untrüglich wie seine Überzeugung, dass wirklich guter Wein nicht modelliert, sondern ruhig und zielstrebig begleitet werden will. Weingartenspaziergang mit dem VINEUS Newcomer 2016.

Johann Gisperg Junior erwartet uns schon am großen Torbogen des Hauses Nummer 14 in der Teesdorfer Hauptstraße. Er will uns noch schnell mitnehmen auf einen Weingartenspaziergang, bevor die Sonne untergeht und der lebhafte Südostwind noch stärker wird.

Als wir auf dem holprigen Feldweg, der zu Gispergs Lagen in Tattendorf führt, aus dem Auto steigen, lässt der Sturmgott aber glücklicherweise kurz Gnade walten – und Johann Gisperg in Ruhe erzählen.

Von alten Weingärten, vitalen Böden und sauberer Weingartenarbeit. Von seiner Überzeugung, dass man große Weine begleiten sollte, nicht hinbiegen, und dass man schlechten Wein auch mit dem besten Marketing der Welt nicht verkaufen kann. Von seiner Abneigung gegenüber marmeladigen Rotweinen und von seiner Liebe zu weißen Burgundern mit mineralischer Kalkigkeit, präzisen Gerbstoff und cremiger Fülle.

Burgunder kann Johann Gisperg tatsächlich wie kaum ein anderer heimischer Winzer seiner Generation, seit Jahren sammelt er für seine Pinot Noirs, zuletzt auch für seine Zweigelt, St. Laurents und Chardonnays Weinpreise am laufenden Band.

„2018 waren wir mit St. Laurent Reserve 2015 Vinaria-Trophy-Gesamtsieger in der Kategorie reinsortige Rotweine“, erzählt Johann stolz, während wir durch seine jüngste Pinot-Lage, ein schwacher halber Hektar 5-jähriger Stöcke, stapfen.

Johann Gispergs Ehrgeiz, immer noch bessere, basisfruchtbetonte Weine zu schaffen und damit konstant in der heimischen Top-Winzerliga mitzuspielen, ist seit seiner Übernahme am heimischen Weingut vor sechs Jahren ungebrochen.

„Es gibt eine Reihe von Faktoren, die glücklicherweise eine großartige Basis für die Qualität und die Eigenständigkeit unserer Weine bilden … der für Blauburgunder perfekte Kalk-Schotter-Boden hier etwa, das für fokussierte und druckvolle Weißweine perfekte Terroir in Teesdorf, die alten Rebanlagen, die mikroklimatischen Bedingungen …“, sagt er.

„Aber Lage ist nicht alles! Es geht für mich auch darum, eine authentische, persönliche Handschrift zu entwickeln. Man macht dann authentischen, außergewöhnlichen Wein, wenn man sich selbst auch nicht verbiegt.“

Was nicht bedeutet, dass er seine Philosophie vom Weinmachen oder der Sortimentsgestaltung nicht auch immer wieder mal neu bewertet und da, wo es nötig und sinnvoll erscheint, an der einen oder anderen Stellschraube dreht.

„Mit dem Satz ‚Das haben wir immer schon so gemacht, deshalb machen wir’s auch zukünftig so‘  kann ich grundsätzlich nichts anfangen“, betont Johann.

Aus diesem Grund holt er sich mittlerweile auch regelmäßig Feedback von „Externen“, wie er sie nennt. Dazu zählen andere Winzer und Weinglasproduzenten ebenso wie Fachjournalisten oder Sommeliers, die alles gekostet haben, was es eben auf der Welt so gibt.

Er macht das, weil er gerne vom Wissen jener profitieren möchte, die mehr und andere Erfahrungen haben, als er. „Und weil mich produktive Kritik, auch wenn sie vielleicht hart ist, extrem anspornt.“

Er sei halt einfach eine Kämpfernatur, fügt er schmunzelnd hinzu. „Ohne Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit hilft dir das ganze Talent, Gefühl oder Wissen nichts.“

Stichwort Kampf: Dem aktuell seiner Meinung nach mit besonders harten Bandagen geführten Kampf zwischen Verfechtern des Bio-Weinbaus und konventionellen Produzenten hält er für völlig überflüssig.

„Jeder hat seine Stärken, genau deshalb stehen wir als Wein-Nation heute auch da, wo wir stehen. Dieses gegenseitige Anschwärzen ist doch Mist“, findet er.

Er selbst glaubt, dass die Grenzen zwischen Bio und Konvention ohnehin bald verschwimmen werden.

„So viele Winzer arbeiten im Weingarten extrem naturnah, sind aber trotzdem nicht bio-zertifiziert. Und ich will ja auch bestmöglich und individuell auf unsere Lagen und Pflanzen eingehen, da stehen Vorgaben wie Dauerbegrünungsmanagement etcetera im Widerspruch dazu“, sagt er. Er setze lieber auf Nachhaltigkeit mit Hausverstand und regionales Kreislaufdenken, als auf Siegel.

„Mein Opa zum Beispiel liefert Stroh von seiner eigenen Landwirtschaft an einen Rinderbauern im Nachbarort, der liefert an uns den Rindermist zurück, der kompostiert und dann gezielt auf unseren unterschiedlichen Böden ausgebracht wird. Das find ich echt sinnvoll!“ sagt er. Wir auch.